Pastorenehepaar Schendel
nach einer Seetaufe in Oldenstadt


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Predigt

am Sonntag Estomihi

Lk. 18,31-43                  Lukaskirche Hannover               23.2.2020

 

 

Liebe Gemeinde,

 

in diesen Tagen steht vieles dicht nebeneinander: Wir hören die Nachrichten vom zehnfachen Mordanschlag in Hanau, und gleichzeitig flimmern die Bilder vom Karneval über den Bildschirm. Krasser könnten die Gegensätze nicht sein: Auf der einen Seite die Ausgelassenheit der Jecken, und auf der anderen die tiefe Sorge um den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, um die Sicherheit all der Menschen, die dem Klischee der Menschenfeinde und Rassisten nicht entsprechen. Vorgestern, bei der großen Demonstration vor der Marktkirche, war diese Sorge mit Händen zu greifen.

 

Auch in unserem heutigen Predigttext steht vieles dicht nebeneinander, und ich frage mich, wie das wohl zusammengehört. Da hören wir von Leid und Verrat: Jesus kündigt seinen Weg ans Kreuz an, und obwohl er das zum dritten Mal tut, verstehen ihn seine Freunde, die Jünger, nicht. Direkt danach die wunderbare Geschichte von einer Heilung: Jesus sorgt dafür, dass ein Blinder wieder sehen kann. Am Ende steht das Happy End: Der Blinde folgt Jesus nach, und das ganze Volk bricht in Jubel aus.

 

Das Heilwerden und der Weg in das Leid, das Sehen und das Nichtsehen: All das steht hier ganz dicht beieinander. Und ich frage mich, was Lukas, der Evangelienschreiber, sich dabei gedacht hat. Und ich frage mich auch, was diese alten Geschichten für heute bedeuten…

 

Mein erster Einfall zu unserem Predigttext ist: Hier bekommen die Jünger mal so richtig etwas ab! Sie, die Insider, stehen auf dem Schlauch, während ein Blinder und die Volksmenge Jesus auf Anhieb verstehen! Besonders peinlich für die Jünger ist ja: Kurz zuvor hatten sie noch nach dem Lohn gefragt, den sie für ihren Weg mit Jesus bekommen: „Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt …“ Ihr Eindruck ist: Wir haben vollen Einsatz gebracht; dafür können wir auch eine Belohnung erwarten! Aber direkt danach kommt der Aussetzer: Als Jesus von seinem Leidensweg spricht, da kommen sie nicht mehr mit, da wollen oder können sie ihn nicht mehr verstehen.

 

Ich frage mich, was hier los ist: Haben sie die bisherigen Leidensankündigungen überhört? Sind sie geschockt, dass es jetzt wirklich losgeht, dass der Weg nach Jerusalem jetzt beginnt? „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem …“ Die Jünger als Meister im Verdrängen?

 

Aber es wäre zu leicht, mit dem Finger nur auf die Jünger zu zeigen. Schließlich geht das Nichtverstehen weiter und bekommt in unserem Predigttext sogar ein regelrecht aggressives Gesicht. Als der blinde Bettler am Wegrand nach Jesus schreit, da wollen sie ihn zum Schweigen bringen, da fahren sie ihn an. Und wer diese „sie“ sind, das ist hier gar nicht ausdrücklich gesagt. Das sind einfach nur Leute, die wollen, dass die Ordnung gewahrt bleibt, dass Jesus und seine Jünger ungestört in die Stadt einziehen können. Der Bettler, der da am Wegrand sitzt und laut wird, der stört.

 

Damit, liebe Gemeinde, rückt uns dieser alte Lukastext schon näher. Er fragt nach uns nach unseren Vorstellungen, die wir vom Miteinander haben, fragt uns nach unseren Selbstverständlichkeiten. Wie viel Vielfalt, wie viel vermeintliche „Unordnung“ vertragen wir? Und dass es bei dieser Frage wirklich um etwas geht, das zeigt uns der Lukastext ja auch. Stellen wir uns einmal vor, die Schimpfer hätten sich durchgesetzt, sie hätten den Bettler tatsächlich zum Schweigen gebracht. Dann wäre es möglicherweise mit der Heilung nichts geworden, dann hätte Jesus den Blinden möglicherweise gar nicht zu sich gerufen. Gott sei Dank ließ sich der Blinde nicht einschüchtern, schrie nach der Zurechtweisung nur umso lauter …

Damit wir uns recht verstehen, liebe Gemeinde: Ich plädiere nicht dafür, dass wir jedes Verhalten in der Öffentlichkeit akzeptieren. Aber unser Lukastext, der erinnert uns noch einmal eindrücklich an das Recht und an die Würde jedes Menschen. Es ist so leicht und verführerisch, die eigenen Ordnungsvorstellungen durchsetzen zu wollen: „Sauberkeit first“, „die eigene Gruppe first“, „das eigene Volk first“. Aber wie problematisch das ist, zeigt nicht erst die Terrorserie von Hanau. Das zeigt auch schon der Blick auf den Blinden, der einfach nur geheilt werden will.

 

Aber Gott sei Dank zieht sich durch unseren Predigttext auch noch eine zweite Spur. Da hören wir nicht nur von Unverständnis und Ignoranz. Sondern da hören wir immer wieder auch vom Sehen. Der blinde Mann „sieht“ Jesus, obwohl seine Augen noch gar nicht sehen können; Jesus nennt das nachher „Glauben“ – „Dein Glaube hat dir geholfen“. Und Jesus „sieht“ den blinden Mann, besser gesagt: er überhört ihn nicht, als der mit allen Kräften schreit.

 

Der Gipfelpunkt dieses Sehens ist für mich die Frage: „Was willst du, das ich für dich tun soll?“ Mit dieser Frage macht Jesus etwas ganz Besonderes: Er streckt sich dem Blinden ganz weit entgegen, soweit, dass er sein Ich verlässt und sich ganz auf das Du einstellt. Das ist der komplette Gegensatz zu denen, die den Blinden eben gerade noch maßregeln und zum Schweigen bringen wollten. Jesus macht diesen Blinden nicht klein, sondern groß.

 

„Was willst du, das ich für dich tun soll?“ Diese Frage bringt vielleicht am deutlichsten auf den Punkt, wie Jesus „tickt“, wie er denkt und liebt und handelt. Jesus macht nicht mit beim Wettstreit um das größte Ego, um das größte Stück vom Kuchen, um den besten Platz an der Sonne. Seine Mission ist nicht, dass er „sein Ding macht“, sondern dass er nach uns fragt. Er besteht nicht darauf, sein eigener Herr zu sein, sondern er macht sich für uns Menschen porös.

 

Damit verstehen wir vielleicht auch den Weg, den Jesus jetzt nach Jerusalem einschlägt. Mit diesem Weg macht er sich verletzbar. Er stellt sich an die Seite der Verratenen und Verspotteten, der Opfer von Willkür und Gewalt. Wir erleben es ja oft als eine Überforderung, all die Krisenregionen unserer Welt präsent zu haben und an die Opfer zu denken. Idlib, Jemen, jetzt Hanau. Es ist schwer genug, aber auch so wichtig, die Gesichter und Namen der Ermordeten von Hanau einmal wirklich an sich heranzulassen und auszuhalten, damit wir sie als Einzelmenschen und nicht nur als Nachricht wahrnehmen.

 

Schließen möchte ich mit dem Halbsatz, mit dem auch Jesus seine Leidensweissagung abgeschlossen hat: „Und am dritten Tage wird der Menschensohn auferstehen“. Das lasst uns immer wieder sagen, wenn Mord und Hass uns den Lebensmut rauben und den Zusammenhalt unserer freien Gesellschaft angreifen wollen. Am Ende siegt nicht der Hass, sondern die Liebe. Und zwar nicht eine Liebe, der alles egal ist, sondern diese parteiische Liebe Jesu, die den blinden Bettler fragt: Was willst du, dass ich für dich tun soll.“

 

Und der Friede Gottes …

 



Predigt

am 2. Sonntag nach dem Christfest

5. Januar 2020     Nikodemus Hannover

Jes. 61, 1-3.7-10

 

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

 

Sind Sie schon im neuen Jahr angekommen? Oder befinden Sie sich immer noch irgendwie dazwischen? Zwischen Weihnachten und dem Alltag, zwischen Tannenbaum, Neujahrsfeuerwerk und der alltäglichen Arbeit?

 

Wenn wir so dazwischen sind, dann sind wir ganz besonders offen. Jedenfalls geht mir das so. Ich bin ganz besonders offen für die Musik, die ich jetzt viel öfter höre als sonst. Das Weihnachtsoratorium rauf und runter! Ich bin aber auch offener für die Nachrichten. Sie erreichen mich viel tiefer als sonst, weil ich weniger abgelenkt und beschäftigt bin. Und leider sind es gerade die schlechten Nachrichten, die sich bei mir festhaken. Die verschärfte Krise im Nahen Osten, die Morddrohungen gegen den Ratsvorsitzenden der EKD – das sind nur zwei von den vielen Nachrichten, die ich jetzt schwer abschütteln kann.

 

Was bringt uns in dieser Zeit „zwischen den Jahren“ weiter? Vor einigen Wochen fiel mir eine Zeitungsbeilage in die Hand, die sich mit dem Zuendebringen beschäftigen. „Wie man die Dinge zu einem guten Ende bringt – und einen Neuanfang wagt“. Hier ging es darum, den Jahreswechsel dazu zu nutzen, um einen Punkt zu setzen. Ich las von bewussten Abschieden, den Beenden von Beziehungen, gelungenen Übergängen nach dem Berufsleben.

 

Auch wenn all dies gerade nicht unser Thema sein sollte – mit der Frage: Abschied und Neuanfang haben in diesen Wochen wahrscheinlich viele von uns zu tun. Ich denke dabei an die guten Vorsätze, die vielen von uns wahrscheinlich nicht fremd sein dürften. Wir wissen, dass wir sie nur im seltensten Fall durchhalten. Und trotzdem habe ich mich auch in diesem Jahr wieder dabei ertappt, mir ganz fest vorzunehmen: Diese Gewohnheit willst du lassen – und das und jenes willst du neu anfangen? Um es ganz kurz zu sagen: Früher aufgestanden und früher Schlafen gegangen bin ich trotzdem nicht!

 

Was hilft uns also beim Start in das neue Jahr? Ich denke an die Lesung aus dem Prophetenbuch Jesaja, die wir vorhin gehört haben. In diesen Worten geht es nicht um das Alte und wie ich es möglicht gut zu Ende bringe. Sondern da geht es um einen geschenkten Neuanfang: Wie ist es, wenn ich das Leben noch einmal neu geschenkt bekomme? Aber lassen Sie uns diese Worte noch einmal selbst hören! Ich lese zunächst die ersten Verse:

 

1 Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; 2 zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, 3 zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des HERRN«, ihm zum Preise.

 

Diese Verse aus dem Jesajabuch führen uns ins fünfte Jahrhundert. Das Volk Israel ist aus der Verbannung wieder zurück. Eigentlich könnte jetzt aufgebaut werden. Eigentlich könnte jetzt alles besser werden. Aber es ist ähnlich, wie wir das jetzt, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, erleben. Lähmung, Unzufriedenheit und der Geist der Spaltung liegen über dem Land. Die Kluft zwischen den Reichen und Armen wird größer. Nicht umsonst ist hier von „Elenden“, von „Gefangenen“, von „Gebundenen“ die Rede. Auch in der neuen Zeit ist nicht alles Gold, was glänzt. Und es gibt ja auch eine innere Unfreiheit, die lähmt und nicht weiterführt. Heute fragen wir uns vielleicht, wie es mit der Demokratie und unserem Gemeinwesen weitergeht. Damals ging es um den Aufbau des Tempels, diesem Zeichen für die Gegenwart Gottes.

 

In dieser Situation, liebe Gemeinde, tritt der Prophet auf. Und was macht er? Er überspringt alle Sorgen, all die schlechten Nachrichten. Was er stattdessen ausruft, ist ein radikaler Neuanfang: „den Elenden gute Botschaft“, „den Gefangenen die Freiheit“, allen im Land ein Gnadenjahr Gottes.

 

Was bringen diese Worte? Äußerlich hat sich nichts geändert. Und so können wir diese Worte nur für Schall und Rauch halten, für weiße Salbe. Vielleicht war das auch damals eine der ersten Reaktionen, wer weiß?

 

Es ist leicht, diese Worte skeptisch beiseitezulegen. Aber mein Vorschlag wäre: Geben wir diesen Worte eine Chance! Denn sie sind ja, um es ganz schlicht zu sagen, „typisch Gott“. Gott ist ein Serientäter, was neue Anfänge angeht. Das Kind in der Krippe, über das wir uns zu Weihnachten gefreut haben. Der zwölfjährige Jesus, der die Lehrer im Tempel zum Staunen bringt. Und nicht zuletzt der junge Mann aus Nazareth, der sich genau mit diesen Prophetenworten in seiner Heimatstadt vorstellt: „Der Geist des Herrn ist auf mir, damit ich den Armen das Evangelium verkündige, damit ich den Gefangenen predige, dass sie frei sein sollen…“

 

Ich weiß nicht, wie es Ihnen mit diesen Worten geht. Aber mir tun solche Worte gut, alle Skepsis hin und her. Denn mir kommt es vor, als würden solche Worte eine neue Tür öffnen, einen neuen Raum voller Möglichkeiten.

 

Damit komme ich zum zweiten Teil unseres Predigttextes. Hier hören wir nicht mehr den Propheten selbst, sondern eine andere Stimme. Wahrscheinlich soll ein Mensch zu Wort kommen, der auf seine Weise auf den Propheten reagiert. Ich lese diese Antwort noch einmal vor:

 

10 Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt.

 

Überschwänglicher kann eine Antwort wohl kaum ausfallen. Hier ist von einer Freude die Rede, die einen Menschen ganz erfüllt, die ihn wirklich laut werden lässt. Luther hat das norddeutsch-zurückhaltend übersetzt. Eigentlich heißt das: „Voller Freude freu ich mich im Höchsten. Und meine ganze Seele schreit ihre Freude hinaus.“

 

Wann haben Sie das letzte Mal so geschrien? Ich erinnere mich, dass ich genauso schreiend durch das Haus lief, als ich vor ein paar Jahren tatsächlich meine Traumstelle bekam, auf die ich ziemlich verwegen eine Bewerbung geschrieben hatte. Da war ich auch nur Freude, tagelang, weil ich wusste, dass mein Leben noch einmal eine neue Richtung bekommt. Aber vielleicht fallen Ihnen ganz andere Situationen ein: die Freude über eine Liebe, die Freude über die Geburt eines Kindes. Wenn solche Neuanfänge in unserer Leben kommen, dann verändert sich nicht nur etwas. Sondern dann verändert sich unser ganzes Leben. Jedenfalls ist das gefühlt so. Was uns bislang Sorgen gemacht hat, wird kleiner. Altes wird ganz automatisch unwichtiger. Einfach deshalb, weil jetzt etwas Neues da ist.

 

Die Offenheit für Neues gehört unausrottbar zu uns Menschen dazu. Niemand hat das deutlicher gesagt als Hannah Arendt, die in Hannover (bzw. Linden) geborene Philosophin. Sie schrieb davon, dass mit jeder Geburt ein Neubeginn in die Welt kommt. Wir haben die Fähigkeit, einen neuen Anfang zu machen, jede und jeder von uns.

 

Diese Fähigkeit, so möchte ich hinzufügen, die passt zu Gott, dem Serientäter in Sachen neue Anfänge. Vielleicht gelingt es uns, das neue Jahr einfach als einen offenen Raum sehen. Als Raum, noch leer ist, trotz all der Eintragungen im Kalender. Als Raum, den wir nicht zwanghaft mit guten Vorsätzen und mustergültig gestalteten Abschieden füllen müssen. Sondern als Raum, in dem wir offen sind für den einen oder anderen Neuanfang, den Gott uns schenkt.

 

Und der Friede Gottes …

 

 


 

 

Predigt

Josua 2,1-24          17. Sonntag nach Trinitatis

13. Oktober 2019    Gnadenkirche Hannover

 

Liebe Gemeinde,

 

heute feiern wir eine Premiere. Eigentlich müssten wir jetzt den roten Teppich ausrollen und eine Fanfare hören! Denn heute steht zum ersten Mal ein Bibeltext auf dem Predigtplan, den wir bislang vielleicht eher überlesen haben. Ich meine die Geschichte von den beiden Kundschaftern und der Frau in Jericho. Vorhin haben wir sie in der Lesung gehört. Diese Geschichte gehört erst seit einem Jahr zu den Texten, die im Gottesdienst gelesen und gepredigt werden sollen. Deshalb ist eins an diesem Sonntag schon einmal sicher: Kein Pastor und keine Pastorin in der ganzen Republik konnte heute in die Schublade greifen und eine alte Predigt hervorziehen. Heute gibt’s auf allen Kanzeln Frischware!

 

Ich möchte mich diesem Neuling auf dem Predigtplan in zwei Anläufen nähern. Lassen Sie uns als erstes auf die beiden Männer schauen, die nach Jericho kommen, um die Stadt und das Land auszuspionieren. In meiner Lutherbibel heißt der ganze Abschnitt denn auch: „Die Kundschafter in Jericho“.

 

Wenn wir diese Überschrift ernstnehmen, dann ist unser neuer Predigttext vor allem ein Teil einer militärischen Eroberungsgeschichte: Das Volk Israel ist auf dem Weg ins Heilige Land. Noch steht es auf der anderen Seite des Jordans. Aber die ersten Kundschafter sind auf dem Weg, um die andere Seite unter die Lupe zu nehmen.

 

Wenn wir die Geschichte so sehen, dann ist an ihr vor allem die wunderbare Bewahrung der beiden Männer interessant. Im Feindesland kommen sie im Haus einer Prostituierten unter. Vielleicht ist das der einzige Ort in der Stadt, wo sie nicht auffallen. Eigentlich ganz schön clever. Aber dann droht dieses tolle Versteck zur Falle zu werden. Leute des Königs kommen und fragen nach ihnen. Doch die Gastgeberin hält dicht, und so können sie an anderen Tag aus der Stadt entkommen und zu den eigenen Leuten zurückkehren. Puh, das ist noch einmal gut gegangen!

Wenn wir die Geschichte so erzählen, dann geht es um die Geschichte einer Bewahrung. Zwei Männer sind auf gefährlichem Terrain gerettet worden. Solche Rettungsgeschichten gehören zu guten Spionagegeschichten dazu. Es reicht, wenn wir an James Bond denken. Aber mir fallen auch andere wunderbare Rettungsgeschichten ein: Ich denke an jüdische Menschen, die in Zeiten der Judenverfolgung Unterschlupf fanden, die so überlebt haben.

 

Das Stichwort, das unser Predigttext für all diese Geschichten verwendet, ist „Chesed“, die Zuwendung, das Erbarmen: Ein Mensch hat sein Herz geöffnet, hilft weiter, geht für andere Menschen ein Risiko ein. Wir wissen, dass so etwas nicht der Normalfall ist. Aber gerade darum sind solche Erfahrungen so wertvoll. Wenn jemand sich uns in diesem Sinne zuwendet, wenn er „Chesed“ tut, dann verändert sich unser Leben: Neue Türen gehen auf, neue Wege werden möglich.

 

Wenn wir auf die Erfahrung der Kundschafter schauen, dann schärft das vielleicht den Blick für die eigenen Erfahrungen: Wann sind wir bewahrt und gerettet worden? Und vielleicht spüren wir dann auch, wie wichtig solche Zuwendung für unser Zusammenleben ist. Wir leben davon, dass andere Menschen nicht einfach der Bequemlichkeit folgen, sondern über ihren Schatten springen und „Chesed“ tun. „Jede Kreatur braucht Hilfe von jeder“ (Brecht).

 

Damit komme ich zur anderen Seite der Geschichte, zu Rahab. Die Zürcher Bibel stellt sie in den Mittelpunkt, indem sie unserm Predigttext die Überschrift gibt: „Rahab rettet die israelitischen Kundschafter“. Und wirklich, wenn wir uns den Text näher anschauen, dann ist sie die entscheidende Person. Nicht nur, dass sie die beiden Männer rettet, sondern dass sie auch noch ihre eigenen Pläne verfolgt: Genauso, wie sie die beiden Männer gerettet hat, möchte sie sich auch retten, und am besten noch die ganze Familie dazu! Sie weiß, wie stark die Israeliten sind und dass sie die Stadt erobern werden. Darum ihr Drängen, dass die Kundschafter, die sie retten will, sich für ihre eigene Rettung einsetzen.

 

In dieser Geschichte wird deutlich, wie eng unser Leben und Überleben manchmal miteinander verflochten ist. Rahab spürt das. Manchmal können auch Feinde nur miteinander überleben.

 

Allerdings würden wir Rahab völlig unrecht tun, wenn wir ihre Überlebens-Überlegungen für das Erste hielten, frei nach dem Motto: Ihre Mitmenschlichkeit war nur ein Kalkül, ein Mittel, um sich selber eine Zukunft zu sichern. Wenn wir genau hinsehen, dann steht der Schutz für die beiden Kundschafter am Anfang. Vielleicht war es eine spontane Idee, dass sie die beiden versteckte, als es draußen klopfte; vielleicht war es auch Sympathie.

 

Aber interessant ist schon, dass die Geschichte mit dieser spontanen Hilfe nicht endet. Als die Männer oben im Versteck liegen, denkt Rahab weiter. Und da entsteht wohl der geniale Plan, zusammen mit diesen Männern auch sich selbst zu retten. Sie ist über den militärischen Erfolg der Israeliten voll im Bild, sie kennt die gesunkene Moral der eigenen Seite („Unser Herz ist verzagt“). Und nicht zuletzt hat sie auch ein Bild von dem Gott, der die Israeliten bis hierher geführt hat („Euer Gott ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden“).

Ich finde es sehr beeindruckend, wie nüchtern Rahab die Situation erfasst – und wie entschieden sie dann die Möglichkeit zum Handeln ergreift. Keine Selbsttäuschung, kein Verdrängen! Vielleicht sieht und weiß sie in ihrem Haus am Rand der Stadt mehr als die anderen. Aber aus dem Wissen dann auch die Konsequenzen zu ziehen – das finde ich inspirierend.

 

Unser Problem ist ja heute auch nicht, dass wir vieles nicht wüssten. Wir wissen vom Klimawandel. Wir kennen die Herausforderungen für unsere Kirche und unsere Gemeinden. Und wir konnten auch längst vor dem schrecklichen Anschlag auf die Synagoge in Halle davon wissen, wie die Gewaltbereitschaft in rechtsextremistischen Kreisen rapide zunimmt.

 

Es fehlt nicht am Wissen. Aber viel schwerer ist es, die Situation wirklich realistisch auf sich wirken zu lassen und den eigenen Überlebensinstinkt wirklich ernstzunehmen. Rahab will überleben, und sie handelt. Damit kann sie uns heute inspirieren, wenn wir Wege für unsere Zukunft suchen – sei es als Kirche, als Gesellschaft oder als Menschheit.

 

Zu diesem Mut der Rahab passt es, dass sie den Gott der Fremden vorbehaltlos akzeptiert: „Euer Gott ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden“. Sie erkennt sofort, wie weit und befreiend dieser Gott ist. Er lässt sich nicht in einer Stadt und in einem Volk einmauern. Er ist größer, befreiend größer. Und vielleicht ist es das, was Rahab hilft, so groß zu denken und zu handeln.

 

Damit bin ich am Ende meiner Predigt. Wir haben vielleicht alle miteinander gespürt: Es war eine gute Entscheidung, die Rahabgeschichte in den Predigtplan aufzunehmen. Es ist eine besondere und inspirierende Frau, die wir hier kennenlernen. Kein Wunder, dass sie im Matthäusevangelium als Ahnfrau Jesu genannt wird!

 

Und der Friede Gottes …

Andacht

Tagung „Profil und Zukunft des Pfarrberufs“

Hofgeismar, 21.3.2019                                                         1. Thess. 3,7f.

 

Ich möchte heute morgen ein Loblied auf Timotheus anstimmen. Denn Timotheus ist der, der dafür sorgt, dass Paulus wieder lachen kann. Wochenlang hat Paulus in Korinth gewartet.  Unsicher, ob nicht doch alles unnütz gewesen war. Sein ganzer Einsatz in Thessaloniki. Drei Wochen lang volles Engagement, bis er flüchten musste. Und was brachte das alles? Das Kontakten, das Lehren, das Predigen. Vielleicht war das alles doch nur leer, eis kenon, wie es wörtlich heißt.

Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie Paulus abwartet, wie er sich unsicher ist. Denn als Pfarrpersonen kennen wir das doch auch. Da haben wir unser Bestes gegeben, uns wirklich reingehängt. Aber was sind die objektiven Kriterien für Erfolg? Die Taufquote, die Zahl der Gottesdienstbesucherinnen, die Anzahl der Ehrenamtlichen? Im letztjährigen Vorstandsberichts eines Pfarrvereins lese ich den Satz: „Wir arbeiten viel – und es ist schon eine Menge dabei, das kaum jemand wahrnimmt. Eine messbare Größe für Erfolg haben wir in aller Regel […] nicht. Keine produzierten Stückzahlen, keine Jahresüberschüsse, keine Belobigungen […].“[1]

Kein Wunder, dass Paulus unruhig in Athen festsitzt. Zurück nach Thessaloniki kann er nicht. Das wäre viel zu gefährlich. Seine Feinde dort sind zu stark. Darum schickt er den Timotheus los, seinen engsten Mitarbeiter. Er soll zur Gemeinde wieder Kontakt aufnehmen, soll sie stärken und mahnen, vielleicht auch trösten.

Timotheus ist losgezogen, hat sich auf den langen Weg nach Norden aufgemacht – und jetzt ist er wieder da und kann von der Gemeinde in Thessaloniki nur das Beste erzählen: Die Gemeinde lebt, Glaube und Liebe blühen, und auch mit Paulus fühlt sie sich tief verbunden. Es ist fas zu schön, um wahr zu sein!

Wir können uns denken, wie dem Apostel ein Stein vom Herzen fällt, wie er nach wochenlangem Warten endlich wieder lachen kann. Befreit setzt er sich gleich hin und schreibt der Gemeinde einen Brief. Darin stehen auch die Worte, die wir heute in der Herrnhuter Losung lesen: „Wir sind, Brüder und Schwestern, euretwegen getröstet worden in aller unsrer Not und Bedrängnis durch euren Glauben; denn jetzt leben wir auf, wenn ihr fest steht in dem Herrn.“

Genauso sind auch die Pfarrerinnen und Pfarrer unserer Tage keineswegs eine Insel: Wir leben von Rückmeldungen, von der Resonanz. Um es mit Hartmut Rosa zu sagen: Im Pfarrberuf zählen nicht nur die vertikalen Resonanzsphären, sondern auch die horizontalen. Oder um es etwas einfacher mit den Worten aus dem bereits genannten Vorstandsbericht zu sagen: Die „Wirkung“ unseres Tuns „motiviert zum Dienst - auch da, wo ich etwas anderes tun oder tun muss.“[2] Diese Resonanz hat also eine salutogenetische Wirkung. Da war auch bei Paulus nicht anders. Er kann jetzt wieder aufleben; der Glaube seiner Gemeinde stärkt auch seinen Glauben.

Und was ist mit Timotheus? Warum will ich ihn loben? Ganz einfach: Ohne ihn wäre es nicht zu diesem happy end gekommen. Paulus brauchte diesen Mitarbeiter, der selbstständig loszog, der hinhörte, lehrte und predigte, der also all das tat, was Paulus sonst in Thessaloniki getan hätte. Paulus traute dem Timotheus das zu; offensichtlich kann er Arbeit teilen, sodass der Einsatz des Timotheus am Ende mehr als eine Verlegenheitslösung, eine Kompensationsstrategie war. Gut möglich, dass Timotheus noch einmal einen ganz eigenen Ton gefunden hat, eine eigene Art, um mit den Menschen in Thessaloniki zu sprechen.

Wenn wir das Loblied des Timotheus anstimmen, dann kommen unweigerlich auch die heutigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Blick. Dann geht es plötzlich um die, die mit zum multiprofessionellen Team gehören oder die als Prädikantinnen oder Lektoren Verkündigungsaufgaben wahrnehmen. Wir wissen alle, dass manche Pastorinnen und Pastoren immer noch am Bild des Einzelkämpfers hängen und dass die Sorge groß ist, am Ende „ersetzbar“ zu sein oder nur noch als „Lückenbüßer“ oder „Boss von Ehrenamtlichen“ zu arbeiten.[3] Diese Sorge kann ich gut verstehen, und dennoch werbe ich für einen neugierigen Blick auf die Timotheusse und Timotheas unserer Zeit. Schließlich war es Timotheus, der dafür sorgte, dass Paulus am Ende schreiben konnte: „denn jetzt leben wir auf“.

Gott sei Dank! Amen.

 

 

 

 

 

 



[1] Zit. nach Keller, Wir tun, in: PastTheol 1/2019, S. 58.

[2] Ebd.

[3] Ebd.